Nachtrag 5/2016

Eine Stätte des Gedenkens in Frankfurt (Oder): Der Kriegsgefangenen-Friedhof Erster Weltkrieg

Am 25. Juli 1915 wurde unweit des heutigen Spitzkrug-Einkaufszentrums ein Friedhof für verstorbene Kriegsgefangene (KG) einweiht. Wie kam es dazu? Am 1. August 1914 begann der Erste Weltkrieg, für Deutschland ein Krieg an zwei Fronten. In den ersten sieben Monaten brachten die kaiserlichen Truppen rund 650 000 KG der zaristischen Armee ein. Die KG fielen in Massen bei einzelnen Schlachten an. In welchen Dimensionen die Militärlogistik dabei handeln musste, zeigen die Gefangenenzahlen folgender Schlachten deutlich: Tannenberg (26.-31.08.1914) 92.000, an den Masurischen Seen (07.-11.09.1914) 45.000 KG, bei Lodz (11.11.- 06.12.1914 80.000 und in Masuren (07.- 14. 02.1915) 110.000 russ. KG . Mehrere Tausend davon wurden nach Frankfurt (Oder) transportiert, wo auf dem Areal der heutigen Heimkehrsiedlung ein großes Zeltlager und später ein massives Barackenlager entstand. Anfang Januar 1915 waren es schon ca. 13.000 KG. 22.352 KG und 634 Zivilpersonen durchliefen das Lager. Neben Russen, Weißrussen, Ukrainer, Polen, Balten, Finnen, Russland-Deutsche, Juden, moslemische Baschkiren und Kaukasier, alle in der zaristischen Armee, gehörten dazu Italiener, Franzosen, Belgier, Serben, Rumänen und Briten, sowie Brasilianer. 812 KG starben im Lager, darunter auch Frauen - und ein Türke aus dem mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reich. Todesursache waren Kriegsverletzungen, aber vor allem Flecktyphus und Tuberkulose auf Grund der schwierigen Ernährungslage, hervorgerufen durch die Seeblockade Großbritanniens. Die Verstorbenen wurden nahe des Lagers auf dem Areal des stillgelegten Körner-Schachtes beerdigt. Unweit davon verlief eine Bahnlinie über den Bahnhof Grube Vaterland (Kliestow), deren Gleise 1945 als Reparation in die UdSSR abtransportiert wurden. Die Einweihung des Kriegsgefangenenfriedhofes (KGF) geschah am 25. 07. 1915 während eines Gottesdienstes im Beisein der Wachmannschaft und vieler Gefangener, wobei die evangelischen Divisionspfarrer Wenzel und Eich, drei ev. Gemeindepfarrer, der Priester Warnecke, der Frankfurter Feldrabbiner Martin Salomonski und ein Pope des russisch-orthodoxen Bekenntnisses vor der Kreuzkanzel Aufstellung nahmen. Der Pope weihte das vom kriegsgefangenen russischen Bildhauer Staltmann geschaffene Denkmal mit Zarenadler sowie Widmungen in deutscher und russischer Sprache. Mit der Ausweitung und der Länge des Krieges wurden laut Belegungsplan Gräberfelder für Verstorbene anderer Feindstaaten angelegt. Je nach Religionszugehörigkeit stand der Name des Toten auf einem Holzkreuz, auf dem Pfahl mit dem Halbmond (16) oder unter dem Davidstern (7). Die Verstorbenen jüdischen Glaubens - in den Sterbebüchern als mosaisch bezeichnet - erhielten um 1935 je ein Grabmal aus Sandstein, wobei auf der Vorderseite der Name mit lateinischen und auf der Rückseite mit hebräischen Buchstaben eingemeißelt war. Fragmente von drei Grabsteinen wurden beim Aufräumen gefunden und konnten Beerdigten zugeordnet werden. Auf dem Nordwestteil des Friedhofes existieren noch Reste des italienischen Ehrenmals. Das Bruchstück einer Gedenktafel mit Widmung in französischer Sprache für die 12 Toten Frankreichs wurde 2014 bei Aufräumungsarbeiten gefunden. Bis Mitte 1921 wurde gestorben, obwohl der Krieg 1918 beendet war. Im März 1918 hatten Sowjet-Russland und Deutschland im Friedensvertrag von Brest-Litowsk bereits den Gefangenenaustausch vereinbart. Durch die Revolutionswirren erschwert, aber nach dem Waffenstillstand mit den Siegern im Westen, im November 1918, wurde es Deutschland verboten, russische Gefangene sobald zu entlassen, weil sie Lenin in seinem Kampf unterstützten könnten. Das erklärt den Hinweis im Sterbebuch von 1921, dass der "Soldat der russischen Bolschewisten-Armee", der Landwirt Jefim Bulawka, aus dem Rayon Bendera, 23-jährig im Versorgungslazarett starb. Der Bürgerkrieg in Russland wiederum war die Ursache dafür, dass seine letzten deutschen KG erst 1922 nach Hause gelangten. In den 20er Jahren erfolgte die Umbettung der französischen Toten in ihr Heimatland und der Gebeine der Italiener und Briten auf den Soldatenfriedhof nach Stahnsdorf-Süd bei Berlin. Die eingezäunte Kriegsgräberstättewurde gemäß Artikel 225, 2. Abschnitt, des Versailler Vertrages "mit Achtung behandelt und instand gehalten." Sie war u.a. 1937 ein Thema in der Frankfurter Oder-Zeitung. Laut Unterlagen im Stadtarchiv wurde der Friedhof bis Ende 1944 im Auftrag und auf Rechnung des Reichsfiskus gepflegt. Ausführender war Gärtnermeister Karl Jäckel aus dem nahegelegenen Dornenweg 32. Er war auch Pfleger des Gräberfeldes auf dem Hauptfriedhof, welches für die verstorbenen Russland-Deutschen angelegt wurde, die 1921/24 aus Hungergebieten an der Wolga kamen und über Frankfurt weiterreisen wollten. Über 120 Flüchtlinge starben im Heimkehrlager Gronenfelder Weg 11/13 oder im Seuchenlazarett. Ab 1945 setzte der Verfall des KGF ein. Die ersten Verwüstungen mögen erfolgt sein als Wehrmachtssoldaten oberhalb des Gräberfeldes Schützengräben errichtet hatten. Davon existieren noch Spuren. Der hohe Bedarf an Holz- und Steinmaterial ab 1945, der mit dem hohen Zerstörungsgrad Frankfurts, der allgemeinen Nachkriegsnot und der vermeintlichen Gesetzlosigkeit erklärbar ist, trugen zur Verwüstung der Anlage bei. Hauptursache jedoch, dass der Friedhof nicht mehr gepflegt wurde und der Vergessenheit anheimfiel, war das bewusste Desinteresse der Frankfurter Stadtverwaltung und der sowjetischen Besatzungsmacht. Neben den KG wurden von 1919 bis 1924 rund 160 Verstorbene beerdigt, die aus dem Osten gekommen waren, weil deren Heimat polnisch wurde. Daran erinnern mehrere gemauerte Grabeinfassungen. In der lokalen Geschichtsschreibung wurde zwar der Erhalt der sogenannten Russenkirche (ev. Heilandskapelle) gewürdigt und in dem Zusammenhang damit die Lagergeschichte erforscht und beschrieben, aber der Friedhof kam dabei nicht vor. Personen, die hauptamtlich mit Lokalgeschichte befasst sind, war der KGF auf Nachfrage bis 1992 unbekannt. Erst der Brief der Russland-DeutschenLinda Ljubow Hass, inzwischen in Berlin lebend, an die Kirchengemeinde Gertraud-Marien auf der Suche nach dem Grab ihres Großvaters Friedrich Seel, brachte den Stein ins Rollen. Günter Fromms Beitrag für die Brandenburgischen Blätter im November 1992 war der erste Versuch, die Öffentlichkeit zu informieren. Zwei ergänzende Leserbriefe halfen weiter. Es war auch die Zeit der Konstituierung des Kreisverbandes des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge (VdK) im Zusammenhang mit dem Gräbergesetz, womit sich die Hoffnung verband, dass sich dieser mit der Stadtverwaltung der Sache annehmen würde. Als der Textautor mit einem Vertreter der Stadt das Friedhofsareal aufsuchte, entfuhr es ihm, wohl angesichts der Arbeiten mit mehreren Gefallenenfriedhöfen des Zweiten Weltkrieges: "Ach du liebe Zeit, noch ein Friedhof." Außer dass die Gräberstätte als Gehölzinsel unter Naturschutz gestellt wurde und damit wenigstens einer Überbauung entgegengewirkt wurde, passierte jahrelang nichts. Deshalb recherchierte der Autor mit den Mitgliedern vom VdK Rolf Hübnerund Pfarrer i. R. Rudolf Hanschelim Januar 2003 im Stadtarchiv. Die Frage an den Oberarchivar T., ob das Archiv über Fotos vom Friedhof verfüge, wurde mit "Nein" beantwortet. Doch hier half der Mitstreiter Rolf Haakaus der Heimkehrsiedlung. Er ist einer derjenigen, der jahrelang zur Historie des KGL forscht, und umfangreiches Material darüber zusammentrug. Er hatte im Stadtarchiv Einblick in zwei Lager-Alben nehmen können. Im Wissen darum wurden dem Autor nun entsprechende Fotos präsentiert. Dem folgte die nächste Hürde: Die kostenpflichtige Bestellung von vier Repros wurde ihm verwehrt. In derselben Woche fand eine Stadtverordnetenversammlung mit Einwohnerfragestunde statt, deren Nutzung Erfolg brachte. Zwei Tage später lagen die bestellten Fotos in meinem Briefkasten - und gratis. Weitere Dokumente erbrachte ein Fund in der Registratur des Hauptfriedhofs durch den ehemaligen LeiterHorst Maywald: Ein Belegungsplan und Namenslisten von Umgebetteten. Leserbriefe zum Volkstrauertag, Schreiben an den Oberbürgermeister Martin Patzelt und seine Vertretung, Katja Wolle, dreimalige Inanspruchnahme der OB-Sprechstunde und der Einwohner-fragestunde der SSV, zwei Petitionen an den Landtag, auch mit unterstützung von Carsten Höft. Alles mit wenig Erfolg. Deshalb kamHorst Maywald im Juni 2011 zum Textautor mit der Idee der Gründung der Initiativgruppe KGF Erster Weltkrieg Frankfurt (Oder) , und einer Öffentlichen Erklärung für die Presse, um sich mit dem Anliegen mehr Gehör bei den Verantwortlichen zu verschaffen.Gerd Stowczynski sorgte dafür, dass der Friedhof im Internet zu finden ist. Dank auch an MOZ-Redakteur Jörg Kotterba und Doktorand Carsten Seifert. Nach einer von Mitarbeiterinnen des Standesamtes erstellten Totenliste der russischen Armee ging der Autor daran, sämtliche Angaben über die Verstorbenen anhand der Sterbebücher zu erfassen. Damit erhielten die Toten ein Gesicht und mehr Gewicht für die würdige Gestaltung des KGF. Durch das Internet auf den "Russenfriedhof" aufmerksam geworden, meldete sich 2012 Eduard Ptuchin, ein in Berlin lebender Russe, der sich für die Erhaltung der Kriegsgräber von Rotarmisten engagiert. Mit weiteren Landsleuten aus Berlin, der AGr Geschichtsfreunde Podelzig (Siepert) sowie Mitgliedern des Vereins "Rodina" aus Frankfurt, wurde das in der Heilandskapelle eingelagerte Kreuz auf die sanierte Feldsteinkanzel gestellt, viel Gestrüpp und wild wachsende Bäumchen entfernt. Eine Grabung des Volksbundes machte klar, dass es für die Toten der Zarenarmee und Serbiens keine Umbettung gab. Das bürgerschaftliche Engagement überzeugte auch die Stadtverwaltung (OB Dr. Martin Wilke, Frank Herrmann, Martina Pahlke) und die Botschaft der Russischen Föderation. Nach einem Empfang in der russischen Botschaft, im Februar 2014, war der Botschaftsmitarbeiter für Kriegsgräberfürsorge und Gedenkarbeit,
Vladimir Kukin, anwesend, als Vertreter Frankfurts, der ev. Kirchengemeinde und der Jüdischen Gemeinde anlässlich der Wiedereinweihung der Heilandskapelle am 03. August 2014sowie aus Anlass des Jubiläums der Einweihung des KGF vor 100 Jahren am 25. Juli 2015der Toten ehrend und mahnend gedachten.

Günter Fromm Vorsitzender der Initiative Kriegsgefangenenfriedhof Erster Weltkrieg Frankfurt (Oder) Rolf Haak, stellv. Vorsitzender, Wolfgang Buwert, Dr. Günter Eichler, Carsten Höft, Eduard Ptuchin

Dem Förderverein Heilandskapelle gilt unser Dank für die Übernahme der Druckkosten. 05/16

Abbildungen Das neue Kreuz mit der russischen und deutschen Inschrift: Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit

Einweihung des Friedhofes am 25. Juli 1915 (Foto: Stadtarchiv)

Lageplan des Kriegsgefangenen-Friedhofes













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